Unternehmer wird man nicht
an einem Tag.
Interview mit Jochen Frank (Walser Holzbau GmbH)
Es gibt Unternehmer, die über ihren Erfolg sprechen. Und es gibt Unternehmer, die über ihren Weg sprechen. Jochen Frank gehört zur zweiten Gruppe.
Seine Geschichte handelt von Verantwortung, Vertrauen, Veränderung und vor allem von Menschen. Die Langfassung zum Interview im ZMH-Jahresbericht blickt hinter die Entscheidungen und erzählt von Erfahrungen, Zweifeln und Momenten, die seinen unternehmerischen Weg geprägt haben.
Kapitel 1
Der Tag, an dem Unternehmertum begann.
Wann wird aus einem Architekten ein Unternehmer? Darauf gibt es kein offizielles Datum. Keine Urkunde. Keine Feier. Natürlich gibt es den Kaufvertrag, die Unterschrift beim Notar, Gespräche mit Banken und Steuerberatern sowie einen festgelegten Übergabetermin. Doch all das beschreibt nur den formalen Teil. Unternehmertum beginnt an einer anderen Stelle.
Jochen muss nicht lange überlegen, als wir ihn nach diesem Moment fragen. Es war weder das Bankgespräch noch die Vertragsunterzeichnung. Nicht einmal die offizielle Betriebsübernahme. Es war ein gewöhnlicher Arbeitstag. Das Büro seines Onkels wurde ausgeräumt, Schränke verschwanden, Bilder wurden abgehängt und neue Möbel wurden aufgebaut. Nach außen wirkte es wie ein ganz normaler Umbau. Für Jochen war es der Augenblick, in dem sichtbar wurde, was bis dahin nur auf dem Papier existiert hatte.
Der Betrieb hatte einen neuen Unternehmer. Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Heute sagt er, dass mit diesem Tag ein völlig neues Gefühl entstand. Nicht Stolz, nicht Euphorie, sondern Verantwortung.
Plötzlich landeten sämtliche Themen auf seinem Schreibtisch. Nicht die großen Entscheidungen, über die später gesprochen wird, sondern die vielen kleinen.
Ein Fahrzeug musste umgemeldet werden.
Eine Versicherung benötigte eine Unterschrift. Ein Zuschuss musste beantragt werden. Ein Lieferant wartete auf eine Entscheidung. Ein Mitarbeiter hatte eine Frage. Eine Bank verlangte Unterlagen. Für sich genommen war nichts davon außergewöhnlich. Zusammen veränderte es jedoch seinen Blick auf das Unternehmen. Jochen beschreibt diese Erfahrung mit einem Begriff, der Unternehmertum erstaunlich treffend auf den Punkt bringt: Das Grundrauschen des Unternehmertums, denn Unternehmertum besteht nur selten aus den großen Entscheidungen. Es besteht aus Hunderten kleiner Entscheidungen, die jeden Tag getroffen werden müssen. Solange sie funktionieren, nimmt sie niemand wahr. Erst wenn eine davon ausbleibt, wird deutlich, welche Bedeutung sie tatsächlich hat.
Mit jeder Woche wurde Jochen klarer, was Unternehmertum wirklich bedeutet.
Je größer ein Problem wird, desto weiter wandert es durch das Unternehmen nach oben. Zunächst versucht der Mitarbeiter, es selbst zu lösen. Dann übernimmt der Bauleiter. Später der Abteilungsleiter.
Irgendwann landet das Thema auf dem Schreibtisch der Geschäftsführung. Und dort endet die Reise. Es gibt keine weitere Ebene mehr. Der Unternehmer ist die letzte Instanz. Diese Erkenntnis traf Jochen schneller, als er erwartet hatte.
Fachlich fühlte er sich gut vorbereitet.
Er hatte Architektur studiert, Berufserfahrung gesammelt und den Betrieb bereits intensiv kennengelernt. Er wusste, wie Gebäude geplant, konstruiert und gebaut werden. Was ihm fehlte, war etwas anderes. Niemand hatte ihm erklärt, wie sich Verantwortung anfühlt. Heute formuliert er diesen Gedanken fast nachdenklich. „Für die Verantwortung über ein Gebäude verlangen wir Studium und Berufserfahrung. Für die Verantwortung über einen Betrieb genügt eine Unterschrift.“ In diesem Satz steckt eine Erfahrung, die viele Unternehmer teilen.
Auf ihr Fach werden sie vorbereitet. Auf ihre Rolle oft nicht. Sie lernen Kalkulation, Baurecht, Statik, Arbeitsvorbereitung und Finanzierung. Doch kaum jemand vermittelt ihnen, wie Entscheidungen getroffen werden, wenn es keine perfekte Lösung gibt. Wie man Verantwortung übernimmt, obwohl jede Entscheidung auch Nachteile mit sich bringt. Wie man mit Unsicherheit lebt. Vielleicht beginnt Unternehmertum genau dort. Nicht mit Wissen, sondern mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, obwohl nie alle Informationen vorliegen.
Für Jochen war das keine theoretische Erkenntnis. Er musste sie erleben. Und sie veränderte seinen Blick auf das Unternehmen grundlegend. Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, möglichst viele gute Entscheidungen selbst zu treffen, sondern ein Unternehmen zu entwickeln, in dem auch andere gute Entscheidungen treffen können.
Genau dort endet die Geschichte des Architekten und die Geschichte des Unternehmers beginnt.
Kapitel 2
Einen erfolgreichen Betrieb zu verändern ist schwieriger, als einen angeschlagenen zu sanieren.
Es gibt einen Gedanken, der sich wie ein roter Faden durch das Gespräch mit Jochen Frank zieht: Erfolg kann träge machen. Viele Unternehmen beginnen erst dann, sich zu verändern, wenn sie dazu gezwungen werden. Wenn die Aufträge zurückgehen, gute Mitarbeiter das Unternehmen verlassen oder wirtschaftlicher Druck entsteht. Erst dann wird Gewohntes infrage gestellt.
Walser Holzbau befand sich in einer völlig anderen Situation.
Der Betrieb war erfolgreich. Er verfügte über erfahrene Mitarbeiter, einen ausgezeichneten Ruf und anspruchsvolle Projekte. Von außen betrachtet gab es keinen erkennbaren Grund für grundlegende Veränderungen. Genau darin sah Jochen die größte Herausforderung.
Rückblickend beschreibt er den damaligen Zustand als „Winterschlaf“. Nicht, weil Stillstand geherrscht hätte. Die Baustellen liefen, die Kunden waren zufrieden und wirtschaftlich stand das Unternehmen solide da. Doch viele Abläufe wurden kaum noch hinterfragt. Standards hatten sich über Jahre etabliert. Prozesse funktionierten, weil sie schon immer funktioniert hatten. Vieles blieb unverändert, weil es keinen offensichtlichen Anlass gab, etwas anders zu machen. Für einen jungen Unternehmer ist das eine besondere Ausgangslage. Wer einen sanierungsbedürftigen Betrieb übernimmt, erkennt meist schnell, wo angesetzt werden muss. Die Probleme liegen offen auf dem Tisch. Deutlich anspruchsvoller ist es, ein erfolgreiches Unternehmen weiterzuentwickeln. Denn jede Veränderung provoziert dieselbe Frage: Warum etwas ändern, wenn doch alles funktioniert?
Diese Frage begegnete Jochen immer wieder. Nicht als offener Widerstand, eher zwischen den Zeilen.
Warum Prozesse anpassen?
Warum die Vorfertigung neu denken?
Warum Standards überarbeiten?
Warum Bewährtes infrage stellen?
Seine Antwort war von Anfang an eindeutig. „Jedes Haus muss besser sein als das vorherige.“ Dieser Satz beschreibt weit mehr als einen Qualitätsanspruch. Er beschreibt eine Haltung. Jochen wollte den Betrieb nicht neu erfinden. Ihm ging es auch nicht darum, möglichst viele sichtbare Veränderungen umzusetzen, um der neuen Geschäftsführung eine eigene Handschrift zu geben. Das wäre der einfachste Weg gewesen. Sein Ziel war ein anderes. Jeder Arbeitsschritt sollte ein kleines Stück besser werden als am Vortag. Keine Revolution, sondern viele konsequente Evolutionen.
Gerade die Vorfertigung rückte dabei stärker in den Mittelpunkt. Für Jochen ist sie weit mehr als ein Produktionsschritt. Sie steht für eine Denkweise: Fehler möglichst früh erkennen, Abläufe standardisieren, Wissen sichern und Qualität planbar machen. Dabei stellte sich immer wieder dieselbe Frage: Wie schaffen wir es, morgen besser zu sein als heute? Nicht spektakulär, sondern konsequent. Diese Haltung prägt Walser Holzbau bis heute. Verbesserung ist dort kein Projekt mit Anfang und Ende. Sie gehört zum Alltag.
Neue Ideen entstehen nicht ausschließlich in der Geschäftsführung. Sie entstehen ebenso auf der Baustelle, in der Arbeitsvorbereitung, in der Produktion und überall dort, wo Menschen bereit sind, ihre tägliche Arbeit zu hinterfragen. Stillstand ist für Jochen deshalb kein Zeichen von Stabilität. Stillstand bedeutet, Chancen ungenutzt zu lassen. Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen einem Verwalter und einem Unternehmer.
Der Verwalter schützt den Erfolg von heute. Der Unternehmer arbeitet bereits am Erfolg von morgen. Diese Haltung führte Jochen wenig später zu einer Entscheidung, die sein Verständnis von Führung grundlegend verändern sollte.
Sie trug einen unscheinbaren Namen: Vier-Tage-Woche.
Kapitel 3
Die wichtigste Führungslektion begann mit einer guten Idee.
Manchmal sind es nicht die größten Erfolge, die einen Unternehmer prägen.
Sondern die Momente, in denen eine vermeintlich gute Idee auf unerwarteten Widerstand stößt. Genau das erlebte Jochen Frank.
Als das Thema Vier-Tage-Woche aufkam, schien für ihn alles logisch. Die Branche kämpfte mit steigenden Lohnkosten, Fachkräftemangel und dem Wunsch vieler Menschen nach mehr Flexibilität. Das Modell versprach mehr Freizeit für die Mitarbeiter und gleichzeitig eine höhere Attraktivität als Arbeitgeber. Für Jochen war das eine überzeugende Lösung. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, rechnete verschiedene Modelle durch, organisierte die Abläufe auf den Baustellen neu und prüfte die wirtschaftlichen Auswirkungen. Anschließend bereitete er eine Präsentation für die Belegschaft vor. Aus seiner Sicht sprach alles dafür. Als er seine Überlegungen vorstellte, erklärte er die Vorteile, beantwortete erste Fragen und wartete darauf, dass Zustimmung entstand.
Doch sie blieb aus.
Im Raum wurde es still.
Keine Ablehnung.
Keine Diskussion.
Einfach Stille.
Dann meldeten sich die ersten Mitarbeiter.
„Was mache ich denn freitags?“
„Die Arbeitstage werden doch viel zu lang.“
„Wie soll das auf der Baustelle funktionieren?“
„Und was ist mit dem Kindergarten?“
Jochen erinnert sich bis heute an diesen Moment. Nicht wegen der Fragen. Sondern weil ihm plötzlich klar wurde, dass alle über dieselbe Idee sprachen und dennoch etwas völlig Unterschiedliches meinten.
Er hatte das Modell aus der Sicht des Unternehmers entwickelt. Seine Mitarbeiter betrachteten es aus ihrem Alltag. Für den einen bedeutete es längere Arbeitstage. Für den anderen weniger Zeit mit den Kindern unter der Woche. Wieder andere sorgten sich um die Organisation auf der Baustelle. Die Idee war dieselbe.
Der Blick darauf nicht. Heute sagt Jochen:
„Bloß weil Du eine gute Idee hast, ist sie noch lange keine gute Idee für alle anderen.“ Dieser Satz beschreibt weit mehr als die Einführung der Vier Tage Woche.
Er beschreibt, was gute Führung ausmacht.
Unternehmer entwickeln Lösungen häufig aus ihrer eigenen Perspektive. Sie kennen die wirtschaftlichen Zusammenhänge, die strategischen Ziele und den Druck, unter dem Entscheidungen entstehen. Mitarbeiter stellen sich zuerst eine andere Frage. Was bedeutet das für meinen Alltag?
Genau darin lag für Jochen die eigentliche Erkenntnis. Er hätte die Vier-Tage-Woche einfach einführen können. Rechtlich wäre das möglich gewesen.
Er entschied sich dagegen. Stattdessen begann ein Prozess, der sich über mehrere Monate erstreckte. Es wurde diskutiert.
Fragen wurden gestellt. Kritik geäußert.
Vorschläge aufgenommen. Einige Einwände lösten sich im Gespräch auf. Andere führten dazu, dass das ursprüngliche Konzept verändert wurde.
Aus einer Entscheidung der Geschäftsführung wurde Schritt für Schritt ein gemeinsamer Weg. Erst als das Team hinter dem Modell stand, fiel die endgültige Entscheidung.
Und selbst dann nicht dauerhaft.
Zunächst wurde die Vier Tage Woche für ein Jahr eingeführt. Als Probe. Nicht als fertige Lösung, sondern als gemeinsamer Lernprozess.
Heute gehört ausgerechnet einer der größten Kritiker von damals zu den überzeugtesten Befürwortern. Für Jochen ist genau das die eigentliche Bestätigung.
Nicht, weil sich seine Idee durchgesetzt hat, sondern weil sie unterwegs zur gemeinsamen Überzeugung geworden ist.
Wenn er heute über Führung spricht, klingt das anders als zu Beginn seiner Unternehmerlaufbahn. Damals glaubte er, gute Führung bedeute vor allem, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Heute sieht er das differenzierter. Eine gute Entscheidung allein verändert noch kein Unternehmen. Erst wenn Menschen den Sinn dahinter verstehen und bereit sind, den Weg mitzugehen, entsteht echte Veränderung. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die Jochen aus dieser Erfahrung mitgenommen hat.
Veränderung beginnt nicht mit einer guten Idee. Sie beginnt mit Zuhören.
Kapitel 4
Vertrauen ist kein Risiko. Es ist eine Entscheidung.
Es gibt Unternehmen, in denen jede Entscheidung mehrere Unterschriften braucht. Und es gibt Unternehmen, in denen Verantwortung möglichst früh weitergegeben wird. Jochen Frank hat sich bewusst für den zweiten Weg entschieden.
Das überrascht zunächst. Denn er kennt die andere Seite aus eigener Erfahrung. Kaum hatte er den Betrieb übernommen, schien mit jeder Woche mehr auf seinem Schreibtisch zu landen. Je größer ein Thema wurde, desto sicherer endete es bei ihm. Viele Unternehmer reagieren darauf mit mehr Kontrolle. Jochen entschied sich für das Gegenteil. Er begann, Verantwortung dorthin zurückzugeben, wo sie entsteht. Nicht, weil er Arbeit abgeben wollte, sondern weil er überzeugt ist, dass Menschen nur dann wachsen, wenn ihnen jemand etwas zutraut. Eine Begebenheit ist ihm bis heute besonders in Erinnerung geblieben. Ein junger Geselle übernahm bereits im zweiten Gesellenjahr die Leitung eines größeren Wohnungsbauprojekts. Für viele Unternehmer wäre das ein zu großes Risiko gewesen. Zu wenig Erfahrung. Zu viel Verantwortung. Zu viele Unwägbarkeiten.
Jochen stellte sich jedoch eine andere Frage. Nicht: Was passiert, wenn er einen Fehler macht? Sondern: Was passiert, wenn er nie die Gelegenheit bekommt, Verantwortung zu übernehmen? Dieser Perspektivwechsel beschreibt seine Haltung vielleicht besser als jede Führungsphilosophie. Verantwortung ist für ihn keine Belohnung, die man sich erst nach vielen Jahren verdient. Sie ist Teil der Entwicklung. Wer Menschen erst dann Verantwortung überträgt, wenn sie alles können, wird lange warten. Wer sie früh begleitet, schafft die Möglichkeit, daran zu wachsen. Natürlich gehören Fehler dazu.
Sie lassen sich nicht vermeiden. Aber genau darin unterscheidet sich Kontrolle von Führung. Kontrolle versucht, Fehler auszuschließen. Führung schafft ein Umfeld, in dem Menschen aus Fehlern lernen können.
Während unseres Gesprächs fiel ein Satz, der diese Haltung auf den Punkt bringt.
„Wenn Du Menschen vertraust, kommt meistens etwas Gutes dabei heraus. Wenn Du ihnen nicht vertraust, kommt ganz sicher nichts dabei heraus.“ Dieser Satz wirkt zunächst erstaunlich schlicht.
Gerade deshalb bleibt er hängen. Denn Vertrauen entsteht nicht erst dann, wenn jemand bewiesen hat, dass er jede Aufgabe fehlerfrei beherrscht. Oft ist es genau andersherum. Menschen entwickeln sich, weil ihnen jemand vertraut. Nicht erst danach.
Diese Überzeugung prägt auch die Art, wie Jochen neue Mitarbeiter auswählt.
Natürlich zählen fachliche Qualifikation und Erfahrung. Aber sie entscheiden nicht allein. Mindestens genauso wichtig ist eine andere Frage. Passt dieser Mensch zu unserem Team? Fachliches Wissen lässt sich aufbauen. Eine Haltung dagegen nur sehr begrenzt. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels wirkt diese Sichtweise fast mutig. Viele Unternehmen freuen sich über jede Bewerbung. Jochen sieht das differenzierter. Für ihn wählen heute beide Seiten aus. Nicht nur das Unternehmen.
Auch der Bewerber. Deshalb sagt er: „Heute bewirbt sich der Betrieb beim Mitarbeiter und nicht mehr nur der Mitarbeiter beim Betrieb.“ Dieser Wandel verändert Führung grundlegend. Menschen fragen heute nicht mehr nur nach Gehalt oder Urlaub. Sie möchten wissen, wie geführt wird. Welche Entwicklungsmöglichkeiten es gibt. Ob Verantwortung übertragen wird. Ob Vertrauen tatsächlich gelebt wird. Für Jochen ist das keine Belastung. Im Gegenteil. Er sieht darin die Chance, Unternehmenskultur sichtbar zu machen. Nicht durch Hochglanzbroschüren. Nicht durch Schlagworte, sondern im täglichen Miteinander.
Auffällig ist, dass Jochen nur selten über Motivation spricht.
Er spricht lieber über Verantwortung.
Vielleicht, weil Motivation von außen kommen kann. Verantwortung dagegen verändert die Haltung eines Menschen.
Wer erlebt, dass ihm etwas zugetraut wird, beginnt anders zu denken. Er arbeitet nicht engagierter, weil er muss, sondern weil er will. Vielleicht liegt genau darin das Fundament der Unternehmenskultur bei Walser Holzbau. Nicht möglichst viele Regeln, sondern möglichst viel Vertrauen.
Denn Führung beginnt für Jochen nicht mit Kontrolle. Sie beginnt mit Zutrauen.
Kapitel 5
Die Zukunft beginnt nicht mit Künstlicher Intelligenz.
Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie Künstliche Intelligenz.
Auch Jochen Frank beschäftigt sich intensiv mit digitalen Prozessen. Er engagiert sich im Strategieteam von ZMH.KI und verfolgt aufmerksam, welche Möglichkeiten neue Technologien für den Holzbau eröffnen.
Wer deshalb einen Unternehmer erwartet, der vor allem über Software, Algorithmen oder neue Anwendungen spricht, wird überrascht.
Jochen interessiert etwas anderes.
Immer wieder stellt er dieselbe Frage:
Welches Problem lösen wir eigentlich?
Genau darin liegt seine Haltung zur Digitalisierung.
Sie ist für ihn kein Ziel.
Sie ist ein Werkzeug.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
„Digitalisierung darf niemals Selbstzweck sein. Sie muss den Menschen helfen.“
Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch seine Überlegungen. Nicht die Technik steht im Mittelpunkt, sondern ihr Nutzen.
Hilft sie dabei, schneller an Informationen zu gelangen?
Vermeidet sie Fehler?
Vereinfacht sie Abläufe?
Schafft sie Freiräume für Beratung, Planung oder Führung?
Wenn die Antwort Ja lautet, lohnt sich der Einsatz. Wenn nicht, ist die Technologie für ihn kein Fortschritt. Diese Sichtweise unterscheidet sich von vielen Diskussionen, die derzeit geführt werden. Oft entsteht der Eindruck, Digitalisierung müsse vor allem sichtbar sein: Neue Programme, neue Apps, neue Systeme. Für Jochen zählt etwas anderes. Nicht die Technik soll beeindrucken, sondern das Ergebnis.
Vielleicht überschätzt er Künstliche Intelligenz gerade deshalb nicht.
Er unterschätzt sie allerdings ebenso wenig. Er ist überzeugt, dass sie den Holzbau verändern wird. Nicht, weil sie Menschen ersetzt, sondern weil sie ihnen Routinearbeiten abnimmt. Gerade im Büro sieht er großes Potenzial: Dokumentationen, Standardtexte, Informationsaufbereitung und
Auswertungen. Viele Aufgaben, die heute wertvolle Zeit binden, lassen sich künftig deutlich einfacher erledigen. Nicht damit weniger Menschen arbeiten, sondern damit sie mehr Zeit für das haben, was keine Software leisten kann.
Für gute Gespräche.
Für kluge Entscheidungen.
Für Kunden.
Für Führung.
Je länger man mit Jochen spricht, desto deutlicher wird, dass seine wichtigste Zukunftstechnologie keine Software ist.
Es ist eine Haltung. Die Bereitschaft, Gewohntes immer wieder zu hinterfragen.
Nicht jedem Trend hinterherzulaufen.
Aber auch keine sinnvolle Entwicklung zu verpassen. Vielleicht lässt sich sein Verständnis von Innovation genau so zusammenfassen. Innovation entsteht nicht dort, wo die meisten Programme eingesetzt werden. Innovation entsteht dort, wo Menschen jeden Tag bereit sind, ein kleines Stück besser zu werden. Deshalb endet das Gespräch über Digitalisierung nicht bei Computern oder Künstlicher Intelligenz, sondern bei einer Erkenntnis, die sich durch das gesamte Gespräch zieht.
Technologien verändern Unternehmen.
Menschen entscheiden, was daraus wird.
Kapitel 6
Warum sich der Holzbau neu erfinden muss, obwohl sein Werkstoff derselbe bleibt
Der Holzbau hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Früher musste die Branche Überzeugungsarbeit leisten. Bauherren fragten nach Brandschutz, Langlebigkeit oder den Möglichkeiten des mehrgeschossigen Bauens. Holz war erklärungsbedürftig.
Heute ist das anders. Die Stärken des Baustoffs sind bekannt. Holz hat sich als selbstverständliche Alternative etabliert.
Für Jochen Frank markiert genau das einen Wendepunkt. Denn wenn der Werkstoff nicht mehr das entscheidende Unterscheidungsmerkmal ist, rückt eine andere Frage in den Mittelpunkt:
Warum entscheidet sich ein Bauherr für genau dieses Unternehmen? Für Jochen wird sich die Wettbewerbsfähigkeit der Zukunft immer weniger über das Produkt allein definieren. Ein gutes Holzhaus setzen Bauherren heute voraus. Den Unterschied machen andere Faktoren.
Wie verlässlich arbeitet ein Unternehmen?
Wie transparent begleitet es seine Kunden?
Wie gut funktioniert die Kommunikation?
Wie professionell sind Planung und Arbeitsvorbereitung?
Wie schnell werden Entscheidungen getroffen?
Und werden Zusagen zuverlässig eingehalten?
Auf den ersten Blick haben diese Fragen wenig mit Holz zu tun.
Tatsächlich entscheiden sie jedoch immer häufiger darüber, wie ein Unternehmen wahrgenommen wird.
Nicht allein das Gebäude prägt den Eindruck des Kunden, sondern der gesamte Weg dorthin.
Vielleicht ist genau das der größte Wandel, den die Branche derzeit erlebt.
Früher standen Material und handwerkliche Ausführung im Mittelpunkt.
Heute gewinnen Organisation, Kommunikation und Zusammenarbeit zunehmend an Bedeutung. Ein Betrieb muss nicht nur gut bauen. Er muss Projekte professionell organisieren.
Informationen verfügbar machen.
Entscheidungen beschleunigen. Und Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb betrachtet Jochen Digitalisierung auch nie als eigenständiges Thema. Sie gehört für ihn immer zum Ganzen. Sie soll Prozesse einfacher machen. Zusammenarbeit verbessern.
Transparenz schaffen. Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger. Gleichzeitig richtet sich sein Blick weit über das eigene Unternehmen hinaus. Der Fachkräftemangel bleibt eine große Herausforderung. Bauherren erwarten immer mehr. Projekte werden komplexer.
Die Informationsflut wächst. Für Jochen ergibt sich daraus eine klare Konsequenz.
Unternehmen müssen bereit sein, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Nicht jede Veränderung ist automatisch eine Verbesserung. Aber Stillstand wird in einem dynamischen Markt schnell zum Rückschritt. Dabei spricht Jochen selten über Zukunft als etwas, das irgendwann beginnt. Für ihn entsteht sie mit den Entscheidungen, die heute getroffen werden.
Mit jeder Verbesserung eines Prozesses.
Mit jeder Investition in Menschen.
Mit jeder Bereitschaft, Gewohntes infrage zu stellen.
Deshalb beschäftigt er sich intensiv mit neuen Entwicklungen. Nicht aus Begeisterung für Trends, sondern aus Verantwortung für die Zukunft seines Unternehmens.
Am Ende geht es ihm nicht darum, möglichst modern zu erscheinen. Es geht darum, ein Unternehmen zu gestalten, das auch in zehn oder zwanzig Jahren erfolgreich arbeiten kann. Ein Unternehmen, das Veränderungen nicht als Bedrohung versteht, sondern als selbstverständlichen Teil seiner Entwicklung. Vielleicht ist genau das die wichtigste Zukunftsstrategie. Nicht jede Antwort schon heute zu kennen, sondern bereit zu sein, morgen bessere Fragen zu stellen als gestern.
Drei Fragen, die nach dem Interview geblieben sind
Nach mehreren Stunden Gespräch waren viele Themen angesprochen. Unternehmensnachfolge. Führung. Digitalisierung. Unternehmenskultur. Zukunft des Holzbaus. Eigentlich war alles gesagt. Und trotzdem blieben drei Fragen offen. Keine fachlichen Fragen. Sondern Fragen, die den Menschen hinter dem Unternehmer sichtbar machen.
Jochen, was hat Dich in den ersten Jahren als Unternehmer am meisten überrascht?
Jochen Frank:
„Wie viel Verantwortung sich plötzlich auf eine Person konzentriert.
Vor der Übernahme denkt man häufig an die großen Entscheidungen. Investitionen, Strategien oder wichtige Kundengespräche. Im Alltag sind es aber die vielen kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Jeden Tag kommen Entscheidungen dazu, die niemand sieht und über die später auch niemand spricht. Genau das macht Unternehmertum aus.
Mich hat überrascht, wie selbstverständlich man irgendwann akzeptiert, dass viele Themen am Ende auf dem eigenen Schreibtisch landen. Nicht, weil andere ihre Arbeit nicht machen. Sondern weil der Unternehmer die letzte Instanz ist.
Diese Verantwortung kann einem niemand abnehmen. Aber genau daran wächst man.“
Worauf bist Du heute besonders stolz?
Jochen Frank:
„Nicht auf ein einzelnes Gebäude.
Auch nicht auf eine bestimmte Auszeichnung oder wirtschaftliche Kennzahlen.
Am meisten freut es mich, wenn ich sehe, dass Menschen Verantwortung übernehmen.
Wenn junge Mitarbeiter Entscheidungen treffen, Projekte leiten und dabei ihren eigenen Weg finden, dann weiß ich, dass wir als Unternehmen etwas richtig gemacht haben.
Ein Unternehmen ist immer nur so gut wie die Menschen, die darin arbeiten.
Wenn sie sich entwickeln können, entwickelt sich automatisch auch der Betrieb.“
Wenn Du heute Deinem 25-jährigen Ich einen Rat geben könntest, welcher wäre das?
Jochen Frank:
„Hab Geduld.
Du musst nicht am ersten Tag auf jede Frage eine Antwort haben.
Ich habe am Anfang oft gedacht, dass gute Unternehmer vor allem deshalb erfolgreich sind, weil sie alles wissen oder jede Entscheidung sofort richtig treffen.
Heute sehe ich das anders.
Es geht nicht darum, perfekt zu sein.
Es geht darum, bereit zu sein, ständig dazuzulernen, zuzuhören und sich auch selbst zu hinterfragen.
Und noch etwas würde ich meinem jüngeren Ich sagen:
Vertraue den Menschen.
Nicht jede Entscheidung wird richtig sein. Aber ohne Vertrauen entsteht auch keine Verantwortung.“
Was Unternehmertum wirklich bedeutet
Als wir das Gespräch beenden, fällt eines besonders auf.
Über Stunden haben wir über Unternehmensnachfolge, Digitalisierung, Prozesse, Fachkräftemangel und die Zukunft des Holzbaus gesprochen.
Und doch kehrte Jochen Frank immer wieder zu demselben Thema zurück.
Nicht zu Gebäuden.
Nicht zu Maschinen.
Nicht zu Software.
Sondern zu den Menschen.
Vielleicht beschreibt genau das den Unterschied zwischen einem guten Handwerker und einem Unternehmer.
Der eine baut Häuser.
Der andere schafft die Voraussetzungen, damit Menschen gemeinsam etwas entstehen lassen können, das Bestand hat.
Als Jochen damals das leer geräumte Büro seines Onkels betrat, glaubte er, einen Betrieb zu übernehmen.
Heute weiß er, dass an diesem Tag etwas ganz anderes begann.
Es ging darum, Verantwortung zu übernehmen.
Vertrauen zu schenken.
Menschen mitzunehmen.
Und ein erfolgreiches Unternehmen weiterzuentwickeln.
Unternehmer wird man nicht an einem Tag.
Man wird es Schritt für Schritt.
Mit jeder Entscheidung.
Mit jedem Gespräch.
Mit jeder Erfahrung.
Und vielleicht vor allem mit der Erkenntnis, dass der langfristige Erfolg eines Unternehmens nicht allein an den Gebäuden sichtbar wird, die es errichtet, sondern an den Menschen, die es auf diesem Weg geprägt hat.





